Ich habe lange nach einem Titel für diesen Artikel gesucht: Wie soll man ein Buch beschreiben, das Sucht zum Thema hat und selbst süchtig macht? Lesesüchtig nämlich. Dass ich ein Buch in zwei Tagen durchlese, ist nichts besonderes. Dass aber meine beiden Söhne auch kaum weniger Zeit brauchen, ist schon bemerkenswert.
Haupt“person“ des Buches ist ein Spiel. Ein Computerspiel, das nur unter der Hand weitergegeben wird. Hauptperson deshalb, weil das Spiel erkennbar wie eine Person handelt und seine Aktivitäten nicht nur auf die virtuelle Welt beschränkt, sondern in das reale Leben hineinagiert. Wie ist das möglich? fragt sich der Leser fast 500 Seiten lang.
Die Welt der Rollenspiele wird so realistisch beschrieben, dass sich jeder Computerspieler sofort wiedererkennt. So verläuft die Spannung auf zwei Ebenen: Einerseits will man wissen, was es mit dem merkwürdigen Spiel auf sich hat, andererseits versetzt man sich in die virtuelle Welt hinein, als ob man selbst spielt. Und auch hier will man natürlich die nächste Aufgabe meistern, um das nächste Level zu erreichen.
So ist dann jede Unterbrechung unwillkommen: Jede Minute im Real Live ist verlorene Zeit. Die Nahrungsaufnahme am Essenstisch wird auf das allernötigste beschränkt und manchmal fehlt sogar für die Verrichtung der Notdurft die Zeit. Und wie kreativ man sein kann, damit man nur schnell an den Computer zurück kann.
Die Gemeinde der Eingeweihten gebärdet sich wie eine Sekte. Schweigen, Ruhe bewahren, Feinde als Feinde behandeln. Denn jeder, der gegen das Spiel ist, ist ein Feind der Sekte und muss mit allen Mitteln bekämpft werden.
Das Buch ist als Jugendbuch konzipiert, aber die hochaktuelle Thematik der Computerspielsucht ist so realistisch behandelt, dass es für Erwachsenen unbedingt lesenswert ist. Und nicht nur für RPG-vorbelastete Alt-Zocker. Gerade auch Eltern, die wissen möchten, was eigentlich im Kopf ihres spielsüchtigen Kindes vorgeht, werden unterhaltsam aufgeklärt.
Fazit: Ein klasse Buch, über das man am häuslichen Abendbrottisch herrlich diskutieren kann – vorausgesetzt, alle haben es schon durch!